Die Testamentsbücher von Gernsbach in zwei Bänden

Gernsbacher Testamentsbücher
Gernsbacher Testamentsbücher

Diese Handschriften geben für den Zeitraum von 1533 bis 1684ein einmaliges Zeugnis der Frömmigkeit eines großen Teils der Gernsbacher Bevölkerung. Einzelne, namentlich genannte Bürger (meist Ehepaare) bringen hier ihren letzten Willen zu Papier.Die Vermutung liegt nahe, dass in der Hauptsache evangelische Bürger urkunden.Es finden sich aber auch Einträge von Einwohnern von Staufenberg und Scheuern. Ein nicht ganz vollständiges alphabetisches Register findet sich am Schluss des zweiten Bandes.

In den Testamenten geben die einzelnen Personen auch Auskünfte über ihre jeweiligen Lebensumstände, die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, in denen sie leben. Anhand dieser Einträge lässt sich ein repräsentativer Querschnitt für einen großen Teil der Einwohner ziehen. Da die Einträge in etwa die Reformationszeit und die Epoche des Dreißigjährigen Krieges umfassen, ermöglicht deren Erforschung wichtige Hinweise auf die soziale und wirtschaftliche Struktur in der Demografie der Stadt vom Ende des Mittelalters bis zum Beginn der Neuzeit. In sie hinein fließen zugleich die politischen Ereignisse und religiösen Auseinandersetzungen jener Jahrzehnte.

Die Testamentsbücher von Gernsbach stellen somit eine einmalige Quelle für die historische Forschung in einer Zeit der politischen und religiösen Verwerfungen in unserer Region dar.

Der Erhaltungszustand beider Bände war sehr schlecht. Allerdings bestand kein Zweifel, dass eine Restaurierung nicht auf einmal möglich wäre, schon allein, weil die Kosten hierfür vermutlich nicht so einfach zu erbringen sein dürften.

Testamentsbuch Band I (1533 bis 1618)

Im September 2001 lag der Restauratorin an der Badischen Landesbibliothek zunächst der erste Band zur Begutachtung vor. Der sehr dicke Buchblock im Format 29 cm x 20 cm x 9 cm hatte sich durch häufigen Gebrauch stark nach innen gewölbt. Die aus mehreren Papierlagen bestehende Klebepappe des Einbandes wies starken Schimmelbefall auf, war instabil, mürb und durch älteren Insektenfraß stark beschädigt, was den ebenfallswurmstichigen Ledereinband stellenweise aufreißen lies. Zur Stabilisierung des Einbandes wurde in der Vergangenheit eine Selbstklebefolie verwendet, welche zusätzlich die Blindprägung auf Vorder- und Hinterdeckel in Mitleidenschaft gezogen hatte.

Fragmente eines der Testamentsbücher
Fragmente eines der Testamentsbücher

Die Restaurierungsmaßnahmen gestalteten sich als sehr aufwändig aber notwendig. Die Einbände wurden neu mit säurefreiem Karton gefertigt, der Ledereinband vorsichtig mit Restaurierungskalbleder ergänzt, die Blinddrucke der Rollstempel auf Vorder- und Rückseite gereinigt.
Die für die Einbände verwendeten Textfragmente wurden voneinander abgelöst, im Wasserbad gereinigt, anschließend getrocknet und mit Japanpapier stabilisiert, sowie in säurefreien Umschlägen verwahrt. Bei diesen Fragmenten handelt es sich um Kommentare aus theologischen Schriften in Latein/Griechisch, sowie in Deutsch Abhandlungen zur Führung von Gerichtsverhandlungen, Darstellung der Tierkreiszeichen und Beschreibung der Wochentage, wie auch Textstellen aus der „Geschichtsbeschreibung … Kaiser Karls V. Belehnung“ auf dem Augsburger Reichstag 1530. 

Der gesamte Buchblock wurde in mehreren Arbeitsschritten wieder in Form gebracht. Das Hadernpapier von Schimmel befreit, schadhafte Stellen im 400 Seiten starken Textkorpus mit Japanpapier ergänztDie Restauratorin fertigte zudem ein genaues Lagenprotokoll über den vorgefundenen Befund und die getroffenen Maßnahmen am Buch. Auf den Klebepappen konnten drei Wasserzeichen eindeutig bestimmt werden (Huhn, Truthahn und Lilie) zwei weitere konnten nicht eindeutig zugeordnet werden.
Eine Mikroverfilmung schloss die Arbeiten am Buch ab, das sich seit  Sommer 2003 wieder im Stadtarchiv unter der Signatur B 002 des Gernsbacher Altbestandes befindet. Die Kosten von ca. 3.000 DM konnten auf die einzelnen Arbeitsschritte im Zeitraum von zwei Jahren verteilt werden.

Testamentsbuch Band II (1618 bis 1685)

Das Testamentsbuch
Zeugnis der Frömmichkeit eines großen Teils der Bevölkerung - DieTestamentsbücher

Erst im Herbst 2012 war es möglich, an die Restaurierung des zweiten Bandes zu denken. Sein Zustand glich dem des ersten Bandes, ein weiterer zeitlicher Aufschub wäre nicht zu verantworten gewesen. Mit den Arbeiten wurde wieder die Restauratorin an der BLB in Karlsruhe betraut, vor allem auch weil ein großes Vertrauen in ihre bisher geleistete hervorragende Arbeit bestand und auch um die Einheitlichkeit in der Restaurierung der beiden Testamentsbände zu gewährleisten.

Der zweite Band umfasst ca. 320 Seiten, dazu ein alphabetisches Namensverzeichnis. Im Gegensatz zu Band I wird der Textkorpus in den Maßen 33 cm x 22 cm x 7,5 cm von zwei mit Leder überzogenen Holzdeckeln eingefasst.
Auf Vorschlag der Restauratorin wurden der Buchblock, da sich dieser  erheblich verzogen hatte, vollständig auseinander genommen, die Ledereinbände mit den beiden Blindspiegeln abgelöst und der stark verschmutzte, teils von Wurmfraß befallene Buchblock gereinigt.

Beschädigte Stellen des Hadernpapiers konnten mit Japanpapier ergänzt werden, teilweise mussten die Seiten in neue Lagen gebracht, geheftet und geleimt, Heftbünde ergänzt werden. Der hintere Deckel wurde neu aus Buchenholz gefertigt. Das im Original noch vorhandene Leder des Einbandes erfuhr mit speziell eingefärbtem Restaurierleder an den Fehlstellen eine sinnvolle Ergänzung. Reinigen der beiden Blindspiegel und Anbringen zweier kleiner Ösen der ehemals vorhandenen Schließen standen am Schluss der Arbeiten.

Seit Juni 2014 befindet sich der zweite Band (Signatur D 07, Altbestand Gernsbach) wieder im Stadtarchiv. In den Kosten von ca. 2.500 € war eine Mikroverfilmung nicht eingeschlossen, diese steht noch aus.

Text: Stadtarchiv Gernsbach, Winfried Wolf

Kontakt

Stadtarchiv Gernsbach

Stadtarchivar Winfried Wolf
St. Erhard-Str. 13
76593 Gernsbach-Oberstrot
Telefon 07224 6570803
stadtarchiv@gernsbach.de


800 Jahre Gernsbach

Im Jahr 2019 feiert Gernsbach 800 Jahre seit der Ersterwähnung mit einem großen Jubiläumsjahr

mehr zum Jubiläumsjahr