Der Storchenturm - ein Wahrzeichen der Stadt

Der Storchenturm
Der Storchenturm

Seit über 500 Jahren gehört der Storchenturm unverrückbar zum Gernsbacher Stadtbild. Durch seine exponierte Lage und seine Höhe von 26 Metern bietet er einen herrlichen Rundblick über die Stadt. Überwindet man die 85 Stufen, überblickt man die Höhenzüge des unteren Murgtals zwischen dem Eichelberg im Norden und der Teufelsmühle im Osten. Im Westen ist der Baden-Badener Hausberg „Merkur“ fast zum Greifen nahe. In unmittelbarer Nachbarschaft Richtung Süden erhebt sich die mächtige Liebfrauenkirche.

Zur Geschichte des Turms

Entstanden ist der Storchenturm als Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung. Turmwächter gingen hier ein und aus, um bei Ausbruch eines Feuers oder angesichts von herannahenden Feinden Alarm zu schlagen. Der Zugang erfolgte einst über zwei spitzbogige gotische Türen, die den Turm mit den Wehrgang verbanden.

Ursprünglich war der Turm nach Osten hin offen. Später wurde die vierte Seite geschlossen – eine Baunaht ist bis heute deutlich zu sehen – und ein Verließ eingerichtet.

Plan der Stadtbefestigung aus dem Jahr 1689
Plan der Stadtbefestigung aus dem Jahr 1689

Durch das Untere oder Rastätter Tor (4) lief der Verkehr zur Murgbrücke, durch das Obere Tor (2) in Richtung Baden-Baden. Daneben boten das Färbertor (3) und das Storrentor (5) an den gleichnamigen Straßen Zugang zur Stadt. Sie wurden im frühen 19. Jahrhundert entfernt.

Als die insgesamt 900 Meter lange Stadtmauer nicht mehr für die Verteidigung taugte, wurden die einstigen vier Stadttore geschleift. Auch das Obere Tor, das der Storchenturm an der höchst gefährdeten Nordwestecke der Stadtbefestigung schützte. Wie durch ein Wunder überdauerte der Wehrturm mit seiner uralten Bausubstanz die Jahrhunderte. Es gab zwar Pläne ihn ebenfalls abzureißen beziehungswiese zu einem Gefängnis umzubauen; diese wurden aber wieder verworfen. 

Wann die Störche das hohe Dach als Niststätte entdeckten, wissen wir nicht. In den alten Quellen heißt der Turm jedoch „Schimmel“ – wohl nach einem benachbarten Flurstück. Erst im 19. Jahrhundert setzte sich die Bezeichnung Storchenturm durch. 1891 erhielt er als Aussichtsturm und touristische Attraktion eine neue Funktion. Dazu wurde die heute Pforte an der Hauptstraße eingebrochen und eine stabile Treppe, die den einstigen Laufhorizont durchstößt, eingebaut.

Blick auf den Storchenturm mit der Liebfrauenkirche
Blick auf den Storchenturm mit der Liebfrauenkirche

Als mittelalterlicher Wehrturm vermittelt der Storchenturm bis heute alte Baukunst. Insbesondere der Fachwerkaufsatz und der Dachstuhl sind anschauliche Zeugnisse früherer Zimmermannsfertigkeit. 
Seit dem Jahr 2000 betreut der Arbeitskreis für Stadtgeschichte den Turm. Bis zur Sanierung 2012/13 fanden wechselnde Ausstellungen statt. Nach der Renovierung wurde 2014 eine Dauerausstellung installiert. In den Sommermonaten ist der Storchenturm sonntags für Besucher geöffnet.

Original aus dem Mittelalter

Badisches Wappen im Storchenturm
Badisches Wappen im Storchenturm

Wie alt der Storchenturm genau ist, bleibt im Dunkel der Geschichte verborgen. Sichere Daten lieferte eine 2012 durchgeführte Baumringanalyse. So weiß man nun, dass der Fachwerkaufsatz im Jahre 1471 errichtet wurde, der Dachstuhl ein Jahr später im Jahr 1472. Der Steinschaft aus Sandstein ist auf jeden Fall noch älter. Spätestens 1441 muss er schon existiert haben, denn seine Aufgabe war es, das unweit stadteinwärts liegende Obere Tor zu schützen. Bislang ging man davon aus, dass der Wehrturm nicht vor 1387 entstanden sein konnte, da über einem der ehemaligen Zugänge das badische Wappen angebracht ist, das Haus Baden sich aber erst ab 1387 mit den Ebersteinern die Herrschaft über Gernsbach teilte. Im Rahmen der Sanierung stellte sich heraus, dass dieser Wappenstein nachträglich eingesetzt wurde. Das bedeutet, dass der Turm schon vor 1387 entstanden sein kann. Noch aus der Erbauungszeit stammt eine hohe, mittig ausgebuchtete Schießscharte Richtung Westen, durch die Bogenschützen feindliche Angriffe abwehren konnten.

„Wechter uff dem thurm“

Auszug aus dem Satzungs- und Eidbuch der STadt Gernsbach aus dem 16. Jahrhundert
Auszug aus dem Satzungs- und Eidbuch der STadt Gernsbach aus dem 16. Jahrhundert

Wie die Aufgaben der Turmwächter aussahen, ist im Satzungs- und Eidbuch der Stadt Gernsbach aus dem 16. Jahrhundert überliefert. Demnach war die Turmstube lediglich nachts mit zwei Mann besetzt. Die Wächter mussten stündlich „anblasen“, also die vollen Stunden mit einem Blasinstrument anzeigen. Bei Gefahr mussten sie Alarm schlagen. Bei Brand wurde die Sturmglocke geläutet. Wurde der Alarm nicht gehört, durfte ein Wachmann hinabsteigen. In einer abschließbaren kleinen Stube konnten sich die Männer ausruhen und aufwärmen. Die Reste des Ofens wurden bei der Sanierung entdeckt und freigelegt. Zur Wärmedämmung war sogar eine Lehmschicht unter dem Dielenboden eingezogen.

Anstoß und Finanzierung der Sanierung

Aufgrund der zunehmenden Schäden an Fachwerk und Fenstern initiierte der Arbeitskreis für Stadtgeschichte Gernsbach im Jahre 2010 die Spendenaktion „Retten wir den Storchenturm“. Binnen weniger als zwei Jahren gingen mehr als 10.000 Euro an Spenden ein. Viele Privatleute, Firmen und Gruppierungen unterstützen die Sanierung in großzügiger Weise.

Scheckübergabe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz
Scheckübergabe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz

Dank der gut ausgearbeiteten Zuschuss-Unterlagen und des hohen ehrenamtlichen Engagements flossen von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz 45.000 Euro aus Mittel der Glücksspirale an das Storchenturm-Projekt. Das Regierungspräsidium Karlsruhe, Referat 26 Denkmalpflege, leistete einen Zuschuss von 24.000 Euro, den Rest von etwa 20.000 Euro trug die Stadt Gernsbach. Der ursprüngliche Kostenrahmen von 100.000 Euro wurde eingehalten.

Sanierungsergebnisse

Vor der Sanierung erfolgte eine detaillierte Bauaufnahme durch das ehrenamtlich wirkende Architekturbüro Säubert. Mit modernen Vermessungsmethoden entstanden „steingerechte“ Pläne des Turmes. Dabei erkannte man, dass der Turmquerschnitt nicht rechtwinkelig ist. Alle Schäden wurden kartiert, bevor die Sanierung angegangen wurde. Konstruktive Mängel an einigen Balken wurden behoben, die Fachwerkgefache allesamt neu ausgemauert und mit Kalkputz versehen. Die Hölzer erhielten einen neuen Anstrich und zwar in den Originalfarben „Ochsenblutrot“ und „Ockergelb“. Zum Schutz des noch vorhandenen mittelalterlichen Bretterbodens wurden neue Dielen darübergelegt.

Vermessung des Turmes
Vermessung des Turmes

Im Rahmen der Turmsanierung wurden wichtige neue Erkenntnisse gewonnen. So entdeckte man in den Außenbalken nahe der Fenster Geschosskugeln von mutmaßlichen Angreifern. Aus einigen gewöhnlichen Metallteilen wie Nägeln oder einem Scharnier ragt der Fund einer Gewandschließe hervor. Sie ist sehr gut erhalten und weist Ritzverzierungen auf. Nach Expertenmeinung stammt sie aus dem Mittelalter, womöglich aus der Bauzeit, da sie unter den ursprünglichen Dielen gefunden wurde.

Die Fassade erhält einen neuen Anstrich
Die Fassade erhält einen neuen Anstrich
Turmstube mit Feuerstelle
Turmstube mit Feuerstelle
Gewandschließe
Gewandschließe

Heutige tierische Bewohner

Storch im Nest des Turmes
Storch im Nest des Turmes

Seit hundert Jahren ist das Storchennest als Brutstätte verwaist; nur hin und wieder findet sich ein Meister Adebar zu einer kurzen Stippvisite ein. Nachwuchs gibt es hier schon lange nicht mehr. Durch die Überbauung der einstigen Feuchtwiesen wurde ihnen die Nahrungsgrundlage entzogen. Deshalb war auch der Versuch, mit Hilfe von flugunfähigen „Lockvögeln“ in einer Voliere im Hahnbachtal andere Störche anzulocken, zum Scheitern verurteilt.

Dagegen haben nun andere bedrohte Tierarten im Dachstuhl des Storchenturms Quartier genommen: Mauersegler finden in Nischen ideale Niststätten zur Aufzucht ihrer Jungen. Männliche Fledermäuse nutzen Dachbalken und eigens angebrachte Spaltenbohlen als Schlafplätze. Bei der aktuellen Sanierung wurde sorgsam darauf geachtet, die Einfluglöcher und Brutstätten zu erhalten, ja zu verbessern. Aus Rücksicht auf die tierischen Untermieter wurde während der Aufzucht der Jungen auf Sanierungsarbeiten verzichtet. Deshalb wurde der Storchenturm auch mit einer Plakette der Aktion „Fledermaus komm‘ ins Haus“ der Deutschen Stiftung Umweltschutz ausgezeichnet.

Spendenaktion

Wenn Sie beim weiteren Erhalt des Storchenturms mitwirken möchten, können Sie auch einen Beitrag leisten und Ihre Spende unter Angabe des Verwendungszweckes „Storchenturm“ an die Stadtkasse der Stadt Gernsbach richten.

Spendenkonto Stichwort „Storchenturm“
Sparkasse Rastatt-Gernsbach
IBAN DE83 6655 0070 0060 0027 14
Volksbank Baden-Baden*Rastatt eG
IBAN DE23 6629 0000 0050 0466 05

Spendenübergabe für den Storchenturm
Spendenübergabe für den Storchenturm
Spendenübergabe für den Storchenturm

Adresse

Storchenturm

Hauptstr. 57
76593 Gernsbach

Besuchszeiten

Mai - September
sonntags 15-17 Uhr

Anmeldung für Gruppen
aus außerhalb der Zeiten
bei der Touristinfo


Kontakt

Stadtarchiv Gernsbach

Stadtarchivar Winfried Wolf
St. Erhard-Str. 13
76593 Gernsbach-Oberstrot
Telefon 07224 6570803
stadtarchiv@gernsbach.de


Der Storchenturm ist als Quartiere für Nachtschwärmer mit dem Prädikat Fledermaus komm' ins Haus der Stiftung Naturschutzfonds Baden-Württemberg ausgezeichnet